Fee empfiehlt: Kevin Trautner Das Hermes-Fiasko - Die Großen lässt man laufen Teil 2

  • Kevin Trautner Das Hermes-Fiasko

    epubli GmbH; Auflage: 4 (29. Januar 2013)



    Die Großen lässt man laufen Teil 2



    Fee zum Erfahrungsbericht des Autors

    Der Autor war Jungunternehmer bei Hermes. Über ein halbes Jahr muss er mit Hermes verhandeln, bis er 4 Tage vor Beginn, einen Vertrag bekommt. Bis dahin musste er aber schon eine Halle mieten, Autos bereitstellen usw. Er bekommt immer mehr Sendungen und mehr Zustellgebiete und desto mehr er bekommt, desto mehr Arbeiter, Fahrzeuge usw. benötigt er.



    Fees Fragen



    Irgendwie habe ich noch mehr Fragen, nachdem ich das Buch gelesen habe.

    Wie kann sich der Autor Flüge nach Köln und 1. Klasse Tickets leisten?

    Wenn er den Mitarbeitern Kaffeemaschine, einen angenehmen Pausenraum und oft 50 Euro Zuwendungen zukommen ließ, wie konnte er dann die Miete seiner Wohnung bezahlen? Stuttgart ist nicht billig.

    Wie viel Schulden er mitgenommen hat? Hat er Insolvenz beantragt oder wie bezahlt er sie zurück?

    Der Autor zeigt leider keine Lösung auf. Was soll ich jetzt tun? Wenn ich jetzt nicht mehr mit Hermes verschicke oder bei Versendern im Internet einkaufe, die per Hermes versenden, ist meine Hermesgötterbotin arbeitslos. Viele arbeiten ja gerade da, weil sie kein Harz 4 beantragen wollen oder einfach keinen Job bekommen.

    Warum macht der Autor nicht ein eigenes Versandunternehmen auf, wo die Mitarbeiter festangestellt sind und sie direkt einen Vertrag mit dem Versandunternehmen haben?



    Nachdem Amazon wohl nur 1,80 Euro pro Sendung bezahlen muss, ist mir auch klar, dass Hermes nicht viel bezahlen will. Aber Privatkunden bezahlen den vollen Preis! Warum macht dann Hermes kein System, wo die Götterboten unsere Privatpakete (also nicht Rücksendungen) mitnehmen dürfen? Bei der Post/DHL kann man auch Online bezahlen und der Paketbote nimmt die Sendungen mit.







    Fees Meinung



    Also erst mal bin ich total geschockt von dem Buch. Weil ich jetzt erst mal das Ausmaß des ganzen Hermes Prinzips erfahren habe. Jetzt ist mir auch klar, warum gewisse andere Paketdienste NIE zustellen und behaupten, wir würden hier nicht wohnen. Nur Hermes stellt hier und bei meiner Mama immer und immer zu. Oder ersatzweise bei den Nachbarn. Ich mag meine Hermesgötterbotin, aber nun bemitleide ich sie total. Und ich verstehe auch nicht, warum die Leute so wenig bekommen. Ich bezahle doch den vollen Preis, anders als Amazon und Co., wenn ich ein Paket verschicke. Schlagen sich damit die Manager und Verantwortlichen mit meinem Geld die Bäuche mit Kaviar voll? Na ja, laut des Autors auf jeden Fall 1 mal pro Jahr. Aber so ist es doch immer. Die Großen/Manager sind Millionäre/Milliardäre tun sozial und weisen alle Schuld von sich.



    Natürlich ist der „Enthüllungsbericht“ subjektiv, in ich-Form geschrieben, direkt, unverblümt und wahrscheinlich auch wahr. Der Autor gibt zu, dass er blauäugig war, und Fehler gemacht hat. Na ja, aber er wurde auf jeden Fall mit Burn-Out und wahrscheinlich auch Schulden bestraft, wenn er nicht in die Insolvenz ging. Er gibt an, dass er für seine Mitarbeiter das Beste wollte und versuchte sein Bestes zu tun. Dass die Fluktuation gnadenlos hoch ist, das ist klar, bei Löhnen, wo man keinen Nebenjob machen kann, weil man keine Zeit hat und trotzdem kaum was verdient.



    Der Autor lässt sich sehr sympathisch erscheinen. Man glaubt ihm, was er schreibt. Man ist entsetzt. Wahrscheinlich hatten er und seine treuesten Mitarbeiter auch vor lauter Arbeit keine Zeit darüber nachzudenken, was sie da überhaupt getan und unterstützt haben. Lieber Arbeit als Harz 4.



    Jedenfalls ist das Buch sehr, sehr gut und flüssig geschrieben. Ich habe es praktisch an einem Nachmittag durchgelesen gehabt. Es gibt auch viele weiterführende Links und auch Tipps, wo es noch mehr über die Machenschaften von Hermes zu gucken gibt, im Internet. Und die Meisten hab ich mir angesehen. Und war noch geschockter.



    Der Autor schreibt sehr bildlich mit vielen Details und erklärt alles, auch alle „Hermes-Begriffe“.



    Mir ist auch klar, warum die Hermes Führung das Nachwuchstalent schlechthin abgesägt hat: Tabletten, Alkohol und Burn-Out sind einfach Sachen, mit denen sich Hermes nicht rumschlagen will. Krank sein darf ja NIEMAND.



    Jedenfalls hat er – zu Anfang gedacht – er könnte das System verändern und verbessern. Allerdings hat er dann irgendwann bemerkt, dass das nicht geht.



    Ach, was soll ich sagen? Aus eigener Erfahrung glaube ich schon, was der Autor beschrieben hat und dass er daran geglaubt hat, dass er das Hermes-System verbessern kann. Die Ansätze wären ja auch da gewesen, ohne Zweifel. Also Dummheit kann man dem Autor keinesfalls attestieren. Er war sogar sehr klug, mit dem Arbeitsamt, mit den Praktikanten, Behinderten usw. zusammen zu arbeiten. Er hätte auch nicht so viele Stunden und Tage gearbeitet mit kaum Freizeit, wenn er nicht daran geglaubt hätte, was zu ändern und sich und seinen Mitarbeitern zu helfen.



    Das Buch hätte sicher Nutzen, wenn die 99 % die sich NICHT bei Hermes beschwert haben, sich auch zusammentun würden und sich beschweren würden. (In der ARD-Dokumentation stand 99 % hätten sich nicht beschwert und die die sich beschwert haben, haben sie die entlassen?) Wo bleibt denn die Gewerkschaft, wenn man sie mal braucht? Aber Hermes ist einfach zu clever, denen kann man nichts…



    Seit dem das Buch erschienen ist, haben sich noch mehr Leute beschwert und kam noch viel mehr ans Licht. Inzwischen ist es vielleicht ein bisschen anders, aber immer noch nicht wirklich toll. Meine Lieblingsgötterbotin ist inzwischen festangestellt. Statt ihre vertraglichen 75 Sendungen am Tag bekommt sie des öfteren doppelt so viele. Sie arbeitet mindestens bis 20 Uhr abends und schafft die Paketmenge nie und nimmer, vor allem, wenn sie manche bis zu 3 mal zustellen muss. Nein, krank sein darf sie eigentlich auch nicht.



    Vielleicht kann ja einer der „angeblich sozial eingestellten Millionäre/Milliardäre“ Hermes kaufen und endlich mal sozial verträgliche Bedingungen für die Paketausfahrer schaffen!!! Sie können ja dann den Autor einstellen.



    Fees Fazit



    Die Großen lässt man laufen und die Kleinen bezahlen die Rechnung! Das ist Fakt und wird auch durch dieses Buch wieder bestätigt. Ein sehr lesenswertes Buch, wenn man Enthüllungsberichte a la Wallraff mag. 5 Sterne und sehr empfehlenswert.
    Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. // Freundlichkeit ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können. Mark Twain

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